Das große Paradox

Fünf Jahre lang hat sich die Berkeley -Dozentin Arlie Russell Hochschild im Süden der USA, in Louisiana, unter die Bevölkerung gemischt, um dem auf den Grund zu gehen, was sie das „Große Paradox“ nennt. Wie kann es sein, dass in einem Bundesstaat mit der höchsten Umwelt- und Luftverschmutzung die große Mehrheit der Bevölkerung sich gegen staatliche Umweltauflagen stark macht? Hohe Arbeitslosigkeit, hohe Krankheits- und Sterberaten durch Arbeitsunfälle und Umweltverschmutzung, geringe Einkommen und dennoch werden die Kandidaten gewählt, die sich gegen staatliche Regulierung, für die Kürzung von Sozialleistungen und gegen jegliche staatliche Intervention aussprechen? Hochschild spricht mit den Menschen aus der Teaparty-Bewegung und ergründet eine neue seltsame Welt. Sie schildert ein in Europa weitgehend unbekanntes Amerika und sie erkundet die große Zerissenheit der US-amerikanischen Gesellschaft , welche sich in der aktuellen Politik in den USA widerspiegelt.

Dass manche Dinge fehlten, erinnert mich ebenfalls daran, dass ich nicht zu Hause war: Es gab keine New York Times am Zeitungsstand, so gut wie keine Bioprodukte in Lebensmittelläden oder auf Wochenmärkten, keine ausländischen Filme in den Kinos, weniger Kleinwagen, weniger kleine Kleidergrößen in den Modegeschäften, weniger Fußgänger die in einer Fremdsprache mit ihrem Handy telefonierten – und überhaupt weniger Fußgänger. (…) Manche Lokale boten auf der Speisekarte praktisch nur Gebratenes an. Vor den Mahlzeiten wurde nicht nach glutenfreien Vorspeisen gefragt, und das Essen begann in der Regel mit einem Gebet.

Hochschild spricht und doziert nicht über diese Menschen, sondern spricht mit ihnen und versucht sie zu verstehen. Sie versucht zu ergründen, woher ihr Frust und ihre Wut kommen, welche sie zu den Rechten treiben, mit denen sie den Staat hassen. 

Ein spannendes Stück Zeitgeschichte, das ein bisschen erklären kann, wie ein Donald Trump Präsident werden konnte.

Die New York Times rezensiert die für den National Book Award nominierte Studie wie folgt: 

„A distinguished Berkeley sociologist, Hochschild is a woman of the left, but her mission is empathy, not polemics. She takes seriously the Tea Partiers’ complaints that they have become the “strangers” of the title — triply marginalized by flat or falling wages, rapid demographic change, and liberal culture that mocks their faith and patriotism. Her affection for her characters is palpable.“

Und weiter: 

„While her hopes of finding common political ground seem overly optimistic, this is a smart, respectful and compelling book.“

Dem kann man nur zustimmen.

* * *
Hochschild, Arlie Russel, Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten, Frankfurt/New York, 2017

RALupo

Christian Wolf blogt und betreibt seit einer Ewigkeit andere-ansicht.de und ist als Rechtsanwalt in Frankfurt am Main tätig

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