Auf der Höhe der Zeit

Der 1929 in Posen geborene polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman gilt als einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts. Sein Werk „Moderne und Ambivalenz“ und seine Theorie der „Flüchtigen Moderne“ prägen die Soziologie bis heute. Sein eigenes Leben spiegelt die Irrungen und Wirkungen des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll wider: In Polen geboren, als jüdischer Intellektueller vor den deutschen Besatzern aus Posen in die Sowjetunion geflohen, beteiligte er sich am Aufbau des kommunistischen Polens nach Ende des zweiten Weltkrieges. Er lehrte Soziologie an der Universität Warschau. Ende der 60er Jahren trat er aus der polnischen KP aus und verlor schließlich sein Ordinariat an der Universität. Nach den Unruhen vom März 1968 in Polen floh er nach Tel Aviv, wo er 1971 einen Ruf an die Universität von Leeds erhielt. Bauman übersiedelte nach Großbritannien, wo er bis zu seinem Tode lehrte und lebte.

Zygmunt Bauman auf der re:publica in Berlin 2015
Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Postmoderne„. Bis zuletzt hat sich Zygmunt Bauman noch im hohen Alter gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit gewidmet, dem Einfluss des Internet auf die Persönlichkeit und Identität der Menschen, die mit modernen Technologien immer engere und intensivere Überwachung der Bevölkerung, dem Konsumismus und auch der Flüchtlingskrise.

„Frei sein bedeutet, seine eigenen Wünsche und Ziele verfolgen zu können. Die konsumorientierte Lebenskunst der flüchtigen Moderne verspricht zwar diese Freiheit, erfüllt sie aber nicht.“

Im Suhrkamp-Verlag erschien 2013 der Band „Daten Drohnen Disziplin“, in dem Bauman sich mit dem kanadischen Überwachungsforscher David Lyon über die immer perfidere Überwachungstechnologie austauscht und Foucaults Idee des Panoptikums quasi auf unseren heutigen Technik-Stand „updated“.

Ich selbst hatte das Glück, Bauman zwei mal zu erleben. Einmal im Rahmen eines Vortrages an der Universität Mainz. Und zuletzt auf der Re:publica 2015 in Berlin. Die FAZ würdigte ihn als einen „Kritiker des Totalitären“, der sich versöhnt hat,  „mit dem Durcheinander der Welt“.

Jetzt ist bei Hoffmann und Campe ein Gesprächsband unter dem Titel „Das Vertraute unvertraut machen“ erschienen. Der Schweizer Journalist und Essayist Peter Haffner hat kurz vor dem Tod Baumans ein letztes langes Interview über die großen Themen in Baumans Lebens geführt: Moderne, Ambivalenz, die Moderne und der Holocaust, Macht und Identität. Es ist beeindruckend, wie präzise Bauman bis zuletzt unsere Gegenwart analysiert und problematisiert. Zygmunt Bauman ist am 09. Januar 2017 im Alter von 91 Jahren gestorben.

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Zygmunt Bauman, Das Vertraute unvertraut machen,  Hoffmann und Campe, Hamburg 2017, 20,00 €

RALupo

Christian Wolf blogt und betreibt seit einer Ewigkeit andere-ansicht.de und ist als Rechtsanwalt in Frankfurt am Main tätig

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